top of page
  • AutorenbildAntje

„Sons of God“ - Den Bikern ein Bikern

Laute Maschinen, schwarze Kleidung, Lederjacken, auf dem Rücken prangt ein großes schwarz, rotes Kreuz - das sind die „Sons of God“, die „Söhne Gottes“.

Rückansicht der "Colors".

Bis auf die Aufdrucke auf ihren Lederjacken, „Colors“ genannt, unterscheiden sie sich nicht von anderen Bikern.


Auch sie wirken auf den ersten Blick hart, rau und unnahbar. Doch dieser Eindruck verfliegt schnell, wenn man sich erst einmal auf sie einlässt. Trotz ihrer „Kluft“, ihren Bikes und ihren Bärten nahmen die Männer mich herzlich auf, als ich am Ostersonntag dieses Jahres (17.04.2022) für ein Interview bei ihnen aufschlug. Ich wurde von Mike, ihrem Präsidenten, eingeladen sie bei ihrer „Trucker-Aktion“ zu begleiten, um einen besseren Einblick in den Motorrad-Club und ihre Arbeit unter ihresgleichen zu bekommen. Dabei durfte ich nicht nur beobachten und Bilder schießen, sondern auch eine Menge an Fragen stellen, die die Männer mir geduldig beantwortet haben. Die Ergebnisse und Eindrücke von meinem Tag zwischen diesen „harten Kerlen“ möchte ich hier teilen.


Mike, der Präsident des Motorrad-Clubs.

Gegründet wurden die „Sons of God“ (kurz „SoG“) vor etwa drei und halb Jahren von Mike, dem „Präsi“, wie er genannt wird. Das ist die Kurzform für „Präsident“ und bezeichnet den Anführer des Clubs. Wie sich dadurch unschwer erkennen lässt, gibt es auch unter den „Söhnen“ eine gewisse Hierarchie wie auch in jedem anderen Motorradclub. Mike erzählt: „Das System „Motorrad-Club“ mit der Struktur und Hierarchie ist da, aber es wird nicht so extrem ausgelebt. [… ][Wir sind] gleichgestellte Brüder. Aber wenn wir draußen sind, zählt das, was ich sage. So ist das bei uns.“

Das Einhalten gewisser Regeln und Verhaltensformen ist für die Biker wichtig, um auch von anderen Clubs anerkannt zu werden; um sich in der Szene frei bewegen zu können.


Den Anfang machten sieben „Fullmembers“, also Biker, die schon komplett zum Club gehörten. Der Rest fing als „Prospects“ an. Das bezeichnet die Mitglieder, die sich erst noch beweisen müssen, indem sie eine Probezeit von zwei Jahren absolvieren. Gibt es in dieser Zeit keine Probleme, können die „Prospects“ als „Fullmembers“ aufgenommen werden. Auch diese Handhabung ist für alle Motorrad-Clubs typisch, weshalb sie auch bei den „Sons of God“ ebenfalls praktiziert wird.

„Wir haben uns überall vorgestellt. Also wir haben das mit den „Hells Angels“ geklärt, wir haben das mit den „Bandidos“ geklärt und mit den anderen kleinen Clubs, die hier sind“, berichtet Mike. Durch diese Vorstellungsrunde haben die christlichen Biker sich den Respekt der anderen Clubs gesichert. Mike war das sehr wichtig: „Dadurch werden wir von den Großen eingeladen und haben deren Akzeptanz, weil wir auf diese Sachen Acht geben.“ Daniel, der Stellvertreter Mikes,

Die "Sons of God" verteilen Traktate und Süßigkeiten an Trucker.

fügt hinzu: „Wir haben dadurch ein ganz anderes Standing in der Szene.“ Mit einem Schmunzeln im Gesicht erklärt Mike: „Paulus hat gesagt: Seid den Römern ein Römer. Und seid den Griechen ein Grieche. Und wenn du genau liest, steht zwischen den Zeilen auch: Seid den Bikern ein Biker.“


Diese andere „Standing“ eröffnet den „SoG“ viele Möglichkeiten in der Szene. Nichtsdestotrotz gibt es den ein oder andern Unterschied zu anderen Motorrad-Clubs. So gibt es bei ihnen zum Beispiel „keine Drogen, und Betrinken sehen wir auch nicht so gerne“, erläutert Mike diese „und wir haben keine Gebietsansprüche“.

Die „Sons of God“ gibt es mittlerweile zwar in Neuwied, Hessen und Karlsruhe, aber die Biker beanspruchen diese Städte nicht für sich und besetzten sie nicht, was ihnen viel „Stress“ erspart, wie Mike es ausdrückt. Auch diese Einstellung sorgt dafür, dass sie gut mit den meisten anderen Clubs auskommen - sie sind keine Bedrohung für diese, was das Gebiet und die dort gemachten Geschäfte angeht.


Dieses Mal durften die Frauen und Kinder der Biker ausnahmsweise mal mit.

Um bei den „SoG“ einzusteigen gibt es außerdem einige Bedingungen, die so ebenfalls nicht in anderen Clubs zu finden sind. Mike und Daniel stellen diese klar: „Männlich. Wiedergeborener Christ. Und wer eine Beziehung führt, verheiratet oder so, sollte dies, wenn es irgendwie geht auf einer biblischen Basis machen. [Und] wir haben schon ganz klar vorgeschrieben, dass jedes Mitglied auch eine Zughörigkeit zu einer Gemeinde haben soll. Der MC [Motorrdad-Club] als solches ist gut, aber er ist kein Gemeindeersatz. […] Wir wollen auch keine Konkurrenz für irgendjemanden sein.“

Die Tatsache, dass jedes Mitglied in einer Gemeinde sein soll, sorgt dadurch, dass die Gemeindeart nicht vorgegeben ist, dafür, dass die Mitglieder des Clubs aus ganz unterschiedlichen Richtungen zusammen kommen. Einige kommen ursprünglich aus strengen Brüdergemeinden, andere aus eher charismatischen Kreisen. Doch trotz dieser krassen Unterschiede, sind die Männer im Club einfach Biker; Biker, die ähnliche Interessen und das selbe Ziel haben.

Mit den Bikes wurden die Trucker aufgeweckt.

„[Wir wollen] gerade da hin [gehen], wo man normalerweise nicht hinkommt, weil das eine verschlossene Gemeinschaft [ist]. Wir haben den Zugang zu den Jungs und können Beziehungen aufbauen, Gespräche führen und so weiter“, erläutert Daniel den Zweck des Clubs.

Auch am Ostersonntag sind die Biker da, wo sonst niemand hinkommt - auf den Raststätten in der Umgebung verteilen sie Brötchen, Tüten mit Süßigkeiten und Traktate an Trucker. Mit dieser Aktion zeigen die „Sons“ den LKW-Fahrern, dass sie gesehen werden und können Gottes Liebe weiter geben. Viele Gespräche sind durch die Sprachbarriere nicht möglich, aber alleine die Geste rührt die Trucker sehr. Mike erzählt am Ende des Tages: „Du weißt nie, was aus sowas wird. Wir hatten die falschen Traktate dabei oder so, aber die, die du losgeworden bist… Wir haben das ja schon erlebt, was daraus wird, auch wenn du mit den Männern nicht reden kannst. Aber die freuen sich so, dass die Essen und Trinken kriegen - das behalten die einfach. Das ist irgendwas, was die behalten. Ich könnte mit denen ja jetzt gar kein so ein intensives Gespräch über den Glauben führen. Das führt vielleicht irgendwann jemand anderes. Aber es ist ja immer so: erst musst du mal ein Samenkorn auswerfen.“

Einige der Biker fuhren mit ihren Autos, um die Geschenke transportieren zu können.

Die „Trucker-Aktion“ ist nur ein Beispiel wie die Biker Gott und den Menschen mit ihrem Club dienen, obwohl Mike diese Bezeichnung nicht sonderlich mag. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Mike. Daniel fügt lachend hinzu: „Das macht Laune. Da kannst du ganz ehrlich antworten“.

„Wir haben Glück. Wir haben unser Hobby, die Bruderschaft und das Evangelisieren. Das haben wir alles in einem. Es kommen ein paar Leute, dann haben wir Spaß und gute Laune. […] Das ist einfach so, weil du das mit Menschen machst, die du auch magst und die so ticken wie du und dann fällt das einem leicht“, führt Mike seine Antwort aus. „Ein Dienst muss keine Quälerei sein“, bestätigt Daniel.


Offen sprechen die Biker mit den Menschen auf den Rastplätzen und geben so Gottes Liebe weiter.

Diese Einstellung macht auch bei andern Clubs Eindruck, wie Daniel erzählt: „Ich denke, das ist auch so der Grund, aus dem wir bei den anderen Clubs so gut ankommen, weil die merken, dass wir das nicht machen, weil wir müssen, sondern weil wir Bock haben; uns macht das Spaß.“

Nicht nur das sorgt für den Respekt der anderen. Mike erwähnt auch noch einen anderen Grund. „Ich sag dir mal einen Spruch, den hat der Präsident der „Hells Angels“ gesagt: Den [Mut] muss man erstmal haben, in einer Szene mit einem Kreuz rumzufahren, in der jeder zweite einen Totenkopf auf dem Rücken hat.“ Der Ur-Rocker, wie er sich selbst bezeichnet, erzählt: „Das ist so: die [großen Clubs] akzeptieren uns, […] weil die sagen: Die stehen für was. Ich kann mich da drauf verlassen. Wer mit einem Kreuz durch die Gegend fährt, der glaubt an was. Und das tut der nicht nur heute, an dem Tag, sondern in vier Wochen auch. Und das akzeptieren die komischerweise. Die wissen, wo die mit uns dran sind, wofür wir stehen und das ist für die dann in Ordnung. Und die wissen auch, wenn sie [Hilfe brauchen], wo die hinzukommen haben.“


Und genau das machen die anderen auch: sie kommen mit ihren Sorgen, Hochzeits- und Gottesdienstanfragen direkt zu den „Sons of God“. Auf einer Halloween-Party des Biker-Clubs „Gremium MC“ wurde Mike von einem andere Biker angesprochen. Nach einer Einladung doch an den Tisch der „SoG“ zu kommen, „hat der uns seine ganze Lebensgeschichte in Kurzform auf den Tisch geknallt“, erinnert Mike sich. Danach wurde gemeinsam gebetet. Der Präsident der „Sons of God“ beschreibt das Geschehen, begleitet von richtungsweisenden Gesten, wie folgt: „So und jetzt stellt dir dieses Bild vor: wir stehen an so einem Runden Tisch, sechs bis sieben Leute, und da ist ein Gerippe an der Wand und da ein Sarg, und wir beten.“

Vier Wochen später machte der Biker, für den sie gebetet hatten, bei einem Gottesdienst im „Glaubensforum Dierdorf“ einen Neuanfang mit Gott.


Solchen Geschichten sind bei den christlichen Bikern keine Seltenheit. Immer wieder dürfen sie erleben wie Gott sie gebraucht. Die „Old Sprirts“, die nach einer kirchlichen Hochzeit fragen, die „Bandidos“, die um Segen für ihr Clubhaus bitten - das ist für die „Sons of God“ zur Normalität geworden, zu ihrem Dienst unter einer oft gefürchteten Randgruppe.

Mike kommt noch eine andere Geschichte in den Sinn: „[Bei den „Bandidos“ sitzt einer] im Rollstuhl. Motorradunfall. Da haben wir bei denen auf dem Platz gestanden und haben mit dem [Mann] gebetet. Das haben die uns sehr hoch angerechnet. Die sagen, dass das heute noch Gesprächsthema bei denen ist: dass wir uns bei denen auf den Platz stellen und beten.“

Jeder, der wach wird, bekommt Essen und Traktate.

Männer, die sich in eine Randgruppe hineinwagen, die sonst von den meisten gemieden wird, und dort das Evangelium verbreiten.


Als Antwort auf die Frage nach den Vorurteilen und wir sie damit umgehen, lachen Mike und Daniel bloß. „Ich hab´ da gar kein Problem mit. Ich mach das mein Leben lang.“ Mike zuckt lediglich mit den Schultern. „Und wenn man an der Tankstelle vorgelassen wird, weil man eine Kutte trägt, nimmt man das halt mit hin“, gibt Daniel scherzend zu.


Die „Sons of God“ - die meisten Menschen würden bei ihrem Anblick vielleicht am liebsten die Straßenseite wechseln. Aber damit würden sie sich selbst einer Menge Gutem berauben. Denn hinter ihrem rauen Äußeren, verbirgt sich ein weicher Kern. Ihr Herz schlägt für laute Maschinen, aber auch für verlorene Menschen. Sie bewegen sich im Machtbereich des Teufels und zeigen mit ihrem Verhalten und durch Gottes Gnade immer wieder, dass Gott trotz Allem größer ist. Ihnen wird Respekt und Achtung entgegen gebracht. Sie sind die Prediger und Priester der Biker. Sie sind die „Söhne Gottes“, ein Licht in der Dunkelheit.


Jürgen, einer der Biker, und ich bei der Trucker-Aktion.





Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page