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  • AutorenbildAntje

Wenn Gott größer ist als Schmerz und Leid

Aktualisiert: 30. März 2022

Trifft man Sarah zum ersten Mal, ahnt man nichts von ihrer schweren Vergangenheit. Die junge Frau strahl Stärke und Freundlichkeit aus. Sie hat eine Vision und diese verfolgt sie ohne sich von anderen davon abbringen zu lassen.

Sarah hat afrikanische Wurzeln, ein sicheres Auftreten und meistens ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht. Die Haare der gelernten Friseuse variiert oft, da sie gerne verschiedene Perücken trägt. Doch hinter diesem ersten Eindruck verbirgt sich viel mehr.


Wir trafen uns das erste Mal am 16.10.2021 auf dem vom „Projekt Schattentöchter“ organisierten „Walk for freedom“, bei dem sie auf der Bühne einen kleinen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählte. Schon wenige Wochen später durfte ich mit ihr in der gemütlichen, kleinen Küche ihrer Gemeinde in Köln ein Interview führen.


„Es hat alles damit angefangen, dass ich als Kind immer sexuell belästigt worden bin“, erzählt die gebürtige Afrikanerin. Bereits im Alter von sieben Jahren litt Sarah unter dieser Belästigung durch Onkels, Bekannte und Freunde ihrer Mutter. Weiter sagt sie: „Anfangs habe ich es immer wieder meiner Mutter gesagt. […] Wir sind auch immer wieder zur Polizei gegangen, um Leute anzuzeigen.“ Damals habe Sarah noch bei ihrer Familie in Leverkusen gewohnt. Die junge Frau gesteht: „Desto mehr ich es meiner Mutter erzählt habe, desto mehr hat sie dann immer wieder Stress gemacht und desto mehr wurde geredet. Also habe ich aufgehört es ihr zu erzählen.“

Nun stand die kleine Sarah also alleine da. Weitere Übergriffe behielt sie für sich und versuchte alles „irgendwie selber zu klären oder es einfach zu schlucken“.

Verständlicher wird ihre Einsamkeit, als sie erzählt, dass ihre Mutter sie als drei Monate altes Baby in Afrika gelassen habe. Sarah lebte dort bei ihrer Oma; denn auch ihr Vater war eines Tages einfach weg. Mit fünf Jahren kam sie alleine nach Deutschland zu ihrer Familie. Doch ihre Mutter war wie eine Fremde für sie. Zudem war sie auch sehr mit dem neugeborenen Baby beschäftigt, das kurz nach Sarahs Ankunft geboren wurde. So war Sarah das Gefühl der Einsamkeit schon als kleines Kind sehr vertraut.

Durch die Belästigungen durch verschiedene Personen aus ihrem näheren Umfeld änderte sich auch ihr Selbstbild. „Und irgendwann dachte ich mir: Okay, Sarah, vielleicht bist du einfach dafür gut genug. Vielleicht bist du dafür gemacht worden. […] So, dann habe ich mich selber einfach als Sexobjekt gesehen.“

Auch als Teenager gehörte es für sie zur Normalität, dass sie auf der Straße von fremden Leuten angesprochen und „angemacht“ wurde. „Bevor ich es für Geld gemacht habe, habe ich es einfach so gemacht. Ich war viel sexuell unterwegs und das war für mich damals alles“, gibt sie zu.

Heute spricht sie offen über das Thema, doch es ist zu spüren, dass dies nicht immer so war.

Eines Tages sprach sie wieder ein Mann an. Er war um die dreißig, Sarah erst fünfzehn. „Wir haben Kontakt aufgebaut, haben Nummern ausgetauscht. Ja, und er hat mir dann angeboten mit mir zu schlafen und er würde mich bezahlen“, berichtet Sarah weiter. Anfangs habe sie noch protestiert: „Nein, ich bin doch keine Prostituierte.“ Sie erzählt, dass sie schon mit ihm geschlafen hätte, aber nur für „ihren eigenen Spaß“ und nicht für Geld. Das ging ihr damals zu weit. Doch der Mann ließ nicht locker. Er zeigt ihr, was sie sich alles würde kaufen können und machte ihr deutlich, dass sie doch sowieso schon mit jedem schlief, jetzt würde sie sich nur noch etwas dazu verdienen können. Sarah dachte darüber nach und willigte schließlich ein. „Es ist ganz anders, wenn man das nur so macht oder wenn man das bewusst für Geld macht“, korrigiert sie ihre Ansicht von damals.

Der Mann wurde so etwas wie ihr Zuhälter. Er verknüpfte sie mit weiteren Leuten und besorgte ihr Kunden. Aber sie musste ihm dafür nichts von ihrem Geld abgeben. Er tat es als Gefallen`.

In Sarah zerbrach nach und nach immer mehr. Auch weiterhin behielt sie alles für sich. Nur eine Freundin erfuhr von dem, was die Teenagerin tat. Doch auch diese Schritt nicht ein, sondern unterstützte sie eher.


Im Verlauf des Interviews erzählt Sarah: „Ich habe vergessen, dass ich eigentlich ein zerbrechliches, kleines Mädchen bin. Ich habe vergessen, dass ich eigentlich total zerstört bin, sondern ich war da und habe gesagt: `Okay, ich muss das jetzt tun, damit ich Geld bekomme`, und habe alles abgeschaltet. […] Diese ganzen Gefühle, die kommen immer im Nachhinein.“

Diese Worte lassen erahnen wie schwer und dunkle diese Zeit für das kleine Mädchen gewesen sein mussten. Scham, Schuld und Einsamkeit bahnten sich einen Weg in ihr Herz bis sie auch noch den letzten Rest ihres Selbstwertgefühls verlor. Auf die Frage, ob es in der Zeit irgendetwas gab, dass ihr Hoffnung geschenkt hätte, antwortet sie mit einem klaren „Nein“.

Hoffnungslos und einsam sank sie in Depressionen. Diese waren so stark, dass sie sich mehrmals versuchte das Leben zu nehmen. Sie schluckte immer wieder Tabletten in einer Menge, die sie das Leben kosten sollten. Doch sie überlebte jedes Mal wie durch ein Wunder. Magenkrämpfe, Übelkeit und Erbrechen waren die Folge davon, aber mehr passierte nie. Heute ist Sarah überzeugt, dass „Gott nicht wollte“. Er hatte mehr mit ihr vor.

Eines Tages hörte die damals Achtzehnjährige Musik auf YouTube, während sie putzte. Die App hatte ihr eine Playlist zusammengestellt, die laut lief. Dann wurde plötzlich ein Worship Lied abgespielt, das Sarah normalerweise direkt weg gedrückt hätte, weil sie weder von der Musik noch von Christen an sich etwas hielt. Trotzdem ließ sie das Lied an diesem Tag laufen. Sie weiß bis heute nicht warum. Sie beschreibt es wie folgt: „Und dann in diesem Moment, wo ich dieses Lied gehört habe, dass [Jesus] der wahre beste Freund ist, dass er seine Freunde liebt, dass er für seine Freunde am Kreuz gestorben ist - ich habe jeden Satz gespürt. Es hat mich so getroffen und ich fing an zu weinen.“ Damals hatte Sarah keine Ahnung, was da mit ihr passierte, heute ist sie sich sicher, dass Gott ihr auf diese Art begegnet ist.

In der kommenden Zeit fing sie an Gott zu suchen. Sie fragte Christen nach ihm und fing auch an ihn in der Bibel zu suchen. Allerdings begann sie ihre Suche in der Offenbarung und war am Ende noch verwirrter als vorher.


Durch ihre Nachforschungen kam sie zu der Erkenntnis, dass sie Jesus als ihren Retter und Erlöser annehmen musste, um mit ihm leben zu können. Sie hatte keine Ahnung wie sie das anstellen sollte, aber sie hatte eine Begegnung mit ihm und sie wollte mehr. Lachend erzählt sie: „Er hat mir diese kleine Begegnung gegeben, die mich direkt so süchtig nach ihm gemacht hat.“

Also nahm Sarah ihre kleine Schwester, ging in ihr Zimmer und schloss die Tür. Sie wollte in diesem Moment nicht alleine sein. Dann betete sie ihr erstes Gebet: „Wenn es dich wirklich gibt, wenn du das wirklich warst, der an diesem Tag über mich kam, dann will ich, dass du jetzt wieder über mich kommst.“ - Jesus kam; mit einer Macht und Liebe, die sie sich nicht hätte vorstellen können.

Durch ihre Familiengeschichte war Sarah zusätzlich durch die Erlebnisse in der Kindheit und die Prostitution auch noch durch dämonische Mächte vorbelastet. Diese bekämpfte Jesus an diesem Tag erst einmal entschieden und erfolgreich. Dann begegnete er ihr liebevoll mit den Worten: „Meine Tochter. Meine Tochter“. Sarah lächelt beim Erzählen dieser Begegnung und ihre Stimme wird weicher. Ihre Liebe zu Jesus ist nicht zu übersehen.


Doch damit war nicht direkt alles gut. Auch der weitere Weg war schwer für die junge Frau. Sie erzählt: „Die Bibel sagt ja, dass man blind ist ohne Gott. Und das war so als würden die Schuppen von meinen Augen fallen, als würde ich die Dinge plötzlich erkennen. Als ich die Dinge erkannt habe, wollte ich bestimmte Dinge nicht mehr tun und fand sie ekelhaft und nicht mehr ´cool` oder ´geil`, wie ich das damals gesagt habe. Das passte meinen Freunden nicht und dann haben sich alle von mir distanziert.“ Also wieder: Einsamkeit.

Aber Gott sorgt für seine Kinder und so schickte er Sarah Menschen, die auch im Glauben waren und von denen sie viel lernen durfte. Heute ist sie in einer Gemeinde, die sie liebevoll unterstützt und in ihren Gebeten mit trägt. Sie stehen hinter ihr seit sie ihnen vor einiger Zeit alles erzählt hat. Sarah hat damit gerechnet, dass sie sich ebenfalls abwenden würden, doch sie weinten mit ihr und überschütteten sie mit ihrer Liebe und ihren Gebeten.


Auch auf ihrem Instagram-Account hat die mutige Kämpferin ihre Geschichte erzählt; und auch hier bekam sie statt Hass und Ablehnung, Ermutigung und Dank zugesprochen. Viele, die einen ähnlichen Lebensweg gegangen sind oder noch gehen, sind ihr dankbar für ihren Mut an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihr ist wichtig „dass man einfach offen darüber redet […] Weil viele in diesem Moment keine Hoffnung haben und wenn die zum Beispiel von einer Person hören, die da raus gekommen ist, dann hat man wieder so ein bisschen Hoffnung.“

Sarah will Hoffnung schenken und Auswege aufzeigen. „Die Wahrheit muss ausgesprochen werden!“ Davon ist sie überzeugt und so lebt sie auch. Sie erzählt ihr Zeugnis bereitwillig, in der Hoffnung anderen genau das zu schenken - Hoffnung.

Sie erzählt: „Irgendwas läuft mit dieser Welt auf jeden Fall schief. […] Ich glaube, dass ist wirklich einfach, dass man selbst auf der Suche nach etwas ist, aber man sucht es an der falschen Stelle. […] Man probiert es überall nur nicht bei Gott.“ Sarah wird angetrieben von der Liebe zu Jesus und zu den „Menschen, die noch da drinnen sind“, in der Hoffnungslosigkeit und der Not, die sie selbst nur all zu gut kennt. „Ich weiß nur eins: dass eine Seele dort draußen ist, die mich braucht.“

Ihr Anliegen geht aber noch weiter, über die Grenzen ihrer Selbst hinaus: „Man denkt nur an sich und das will ich nicht, weil ich weiß, dass mein Herr Jesus nicht so gelebt hat. […] Er hat sein Leben für andere gegeben. Und so war ich auch bereit mein Leben, also meinen Ruf für andere aufzugeben. […] Das sollen sich mehr Menschen trauen - offen über ihr Zeugnis zu reden, offen darüber zu reden, wo man herkommt, was man früher gemacht hat, was passiert ist.“ Ihr Herz brennt für Jesus und für den Einzelnen und deswegen ruft sie uns alle auf: „Es soll wirklich mehr von diesen Menschen geben, die raus gehen, die ein Zeugnis erzählen, die erklären, was sie durchgemacht haben. Das setzt so vieles frei.“

Missbraucht, alleine, hoffnungslos - Sarahs Leben hatte nicht viel zu bieten. Doch Gott hatte andere Pläne. Er setzte sie frei durch seinen Sohn und macht aus dem kleinen, einsamen Mädchen von damals eine Kämpferin, eine Siegerin, eine Hoffnungsträgerin.





1. Bild: Sarah 2. Bild von links nach rechts: Antje (ich) und Sarah nach unserem Interview

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