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  • AutorenbildAntje

Von der Dunkelheit ins Licht

2020. Ich sitze mit meiner Mutter, in unserem Wohnzimmer. Sie hält unser jüngstes von drei Kindern auf dem Schoß, liest aus einem Buch vor, hat Freude und lacht.

Eine Situation wie ich sie mir noch vor 10 Jahren nie hätte Träumen lassen.

Meine Lebensgeschichte ist ein Zeugnis von Gottes großer Gnade und Güte und wenn ich auf meine bisherigen Lebensjahre schaue, kann ich wirklich nur über Gott unendliche Liebe und Geduld staunen.


Ich kam am 07.10.1993, als erstes und einziges Kind einer alles anderen als intakten Familie zur Welt.

Meine Mutter litt zum Zeitpunkt meiner Geburt unter einer stark ausgeprägten Persönlichkeitsstörung. Sie war krank und dadurch emotional und psychisch nicht in der Lage das große Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit eines Kindes zu stillen. Durch ihre Krankheit konnte sie nicht die Mama sein, die sie selber gerne sein wollte.

Sie war sehr leicht reizbar, verletzte sich selber vor meinen Augen, demütigte mich verbal, war oft lieblos und unberechenbar.


So musste ich im Alter von sieben Jahren mit ansehen wie sie im Streit mit meinem Vater das gemeinsame Hochzeitsbild auf dem Boden zerschlug und mit den Scherben ihre Arme aufritzte. Dabei schrie sie und drohte meinem Vater, sie würde ihn töten.

Das Zusammenleben mit meiner Mama war schwierig, aber es gab immer noch Momente, in denen ich das Gefühl hatte, sie würde mich lieben. Sie lackierte mir die Finger und Fußnägel, schmierte mir Brote, die sie liebevoll in kleine Stücke schnitt, oder nahm mich mit zum Friseur.

Im Jahr 2001, ich war grade 8 Jahre alt, zogen wir von einer kleinen Mietwohnung in ein eigenes Haus nach Andernach. Ich freute mich sehr, sowohl auf die neue Grundschule, in der ich die erste Klasse besuchen sollte, als auch auf mein neues Umfeld.


Aber ich war durch die häusliche Situation anders als meine Mitschüler. Mir fiel es sehr schwer Kontakte und Freundschaften zu knüpfen und vor allen im Umgang mit anderen Mädchen tat ich mich sehr schwer.


Zu diesem Zeitpunkt litt meine Mutter unter Depression. Ging ich morgens in die Schule, lag sie im Bett; kam ich mittags wieder von der Schule nach Hause, lag sie immer noch im Bett. Öfter stand ich nach der Schule vor der verschlossenen Tür und kam nicht ins Haus, weil meine Mutter es nicht schaffte aus dem Bett aufzustehen. Die einfachsten Dinge wurden für sie zur unüberwindbaren Aufgabe.


Unsere Beziehung wurde immer schlechter. Ich hörte nun sehr häufig Sätze wie: „Hätte ich dich damals nur Abgetrieben.“

„Lieber 30 Hunde als 1 Kind:“ oder „Ich wünsche dir später 10 Kinder so wie du eins bist.“

Ich sehnte mich in dieser Zeit so sehr nach Liebe und Geborgenheit. Nach der Liebe und Geborgenheit einer Mama. Ich machte ihr schöne Geschenke und versuchte mit aller Macht ihre Anerkennung und Liebe zu verdienen. Vergebens.


Irgendwann entwickelte sich aus dieser verzweifelten Suche nach mütterlicher Liebe ein tiefer Hass.


Aus meiner Suche nach Liebe und Geborgenheit wurde Zorn, Hass und Aggression. Ich fing an meine Mutter zu hassen. Ich hasste sie so sehr, dass ich mir wünschte sie würde sterben. Sterben und mich und meinen Vater in Frieden lassen. Aber dies geschah nicht (dem Herrn sei Dank) und unsere Beziehung wurde immer angespannter.


Worte können so viel zerstören, so viel in dem Herzen eines Kindes kaputt machen. Jedes böse Wort aus dem Mund meiner Mutter war wie ein Messerstoß in mein Herz.

Warum Lebe ich überhaupt, wenn ich so unerwünscht bin?

Wenn mich meine eigene Mutter nicht lieben kann, kann es dann überhaupt jemand?

Diese Fragen beschäftigten mich sehr.

Nun besuchte ich die fünfte Klasse einer Realschule Plus.

Dort prügelte ich mich ständig und schlug zu, sobald ich mich angegriffen oder in die Enge getrieben fühlte.

Ich wusste mir einfach nicht anders zu helfen, als durch Gewalt.


Als ich in die Pubertät kam und merkte, dass ich mich zu einer Frau entwickelte, war das für mich eine Katastrophe. Meine Mutter war eine Frau. Ich wollte keiner Frau sein. Ich wollte meiner Mutter in nichts ähnlich sein. Also schnitt ich meine Haare kurz, trug nur noch Jungenkleidung und mied den Kontakt zu anderen Mädchen. Ich sah aus wie ein Junge und benahm mich auch so.

Mit diesem Verhalten, machte ich mich für meine Mitschüler zum idealen Mobbingopfer. Nun musste ich mir auch in den Schule ständig Beleidigungen, Getratsche und gemeine Streiche gefallen lassen.


An diesem Punkt angekommen, voller Selbstzweifel und Hass auf mich und meine Mitmenschen, fragte ich mich, ob mein Leben so noch einen Sinn hat.

Nach einem besonders heftigen Streit mit meinen Eltern, ging ich mit dem Gedanken an Selbstmord an einen Fluss, um mich dort zu ertränken. Als ich aber im Wasser stand, verließ mich der „Mut“ diesen Schritt zu gehen. Und ich kehrte pitschnass und voller Verzweiflung nach Hause zurück.

Der einzige Kommentar meines Vaters zu meiner nassen Kleidung war: „Na, wolltest du dich im Rhein ertränken?“.

Ich weiß bis heute nicht, ob er weiß wie recht er damals hatte.


Mit der Zeit und dem ersten Mal "verliebt sein“, wurde mir bewusst, dass ich mich ob ich es wollte oder nicht zu einer Frau entwickelte.

Meine Kleiderwahl änderte sich und auch meine Haare ließ ich wieder wachsen.


Das Jahr 2009 sollte mein ganzes Leben verändern. Ich durfte im Alter von sechszehn Jahren mein Schulpraktikum in einem Altenheim absolvieren. Schon vor Arbeitsbeginn hörte ich von einer Klassenkameradin, dass dort ein verrückter Jesus-Anhänger arbeiten würde, der ständig von Gottes großer Liebe und einem gekreuzigten Jesus predigte.

So war ich schon sehr gespannt, diesem Menschen zu begegnen. Dadurch, dass wir sehr viele Mennoniten in unserer Schulklasse hatten, waren mir diese Gedanken eines auferstandenen Jesus nicht fremd. Und auch wenn mein Vater bis heute ein bekennender Atheist ist, so ging er doch jedes Jahr an Weihnachten mit mir zusammen in eine Baptistengemeinde. Auch wenn er dies nur wegen der dort nach dem Gottesdienst ausgehändigten Süßigkeitentüten tat, so hörte ich doch mindestens einmal im Jahr die frohe Botschaft.

In Jesaja 55, 10 ,11 heißt es:

„Wenn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“


An einem milden Oktobertag war es nun schließlich soweit: mein erster Arbeitstag begann. Und es stellte sich heraus, dass dieser Anhänger Jesu der sich bei mir als Paddy vorstellte von nun an für die nächsten zwei Wochen mein persönlicher Betreuer sein sollte. Er würde mir alles zeigen und sich um mich kümmern.

Kaum hatte der erste Dienst begonnen, hatte ich meine religiöse Stellungnahme abgegeben: so wie der Weihnachtsmann oder Osterhase eine Erfindung der Menschen sind, so ist es auch Gott. So hatte es mir mein Vater schließlich im Alter von drei Jahren beigebracht.

Im Laufe dieser zwei Wochen Schulpraktikum lernten wir uns immer besser kennen und begannen uns auch privat über eine Internet-Plattform auszutauschen. Paddy übersetzte zu diesem Zeitpunkt ein christliches Buch vom englischen ins deutsche. Es erzählte die Geschichte von Rachel Scott, einer jungen Christin die bei einem Schulmassaker in der Columbine Heigschool ums Leben kam. Ich fand die Geschichte sehr interessant, sodass wir damit ein Gesprächsthema hatten, aus dem sich bald auch privatere Gespräche entwickelten.

Auch nach Beendigung des Praktikums schrieben wir uns täglich und wir merkten schnell, dass wir uns sehr gerne mochten.


Nun gab es aber zwei große Probleme: er war ein bekennender, wiedergeborener Christ und ich nicht. Hinzu kam noch, dass ich zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt und er ein ganzes Stück älter war.

Alle Vernunft sprach gegen eine Freundschaft. Aber Paddy hatte einen tiefen Glauben für mich und sogar schon bevor wir uns überhaupt persönlich kannten, betete er für mich und meine Errettung. Gott hatte ihm einen tiefen Frieden über diese Sache gegeben. Und so geschah es auch tatsächlich, dass ich zwei Monaten nach unserem Kennenlernen, am 14. Dezember 2009, Jesus in mein Herz ließ. Ich verstand plötzlich, dass ich ein Sünder bin, Jesus für all meine Schuld am Kreuz gestorben ist und dass es Gott wirklich gibt. Es ist KEIN Märchen, sondern wirklich wahr.


Mann könnte denken, dass nun alles gut wurde, aber dem war nicht so. Eher das Gegenteil war der Fall.


Mein Vater trennte sich von meiner Mutter. Er hatte eine neue Freundin und zog mit dieser zusammen. Er gab mir Geld, damit ich mich selber versorgen konnte, denn für meine Mutter war ich gestorben und sie wollte nichts mehr von mir wissen. Aber da wir in einem Haus wohnten, war das nicht so einfach. Wir gerieten ständig aneinander. Einmal beschimpfte sie mich so sehr, dass ich ihr mitten ins Gesicht schlug und sie darauf anfing mich zu beißen und an den Haaren zu ziehen. Voller Panik flüchtete ich spärlich bekleidet und ohne Schuhe aus dem Haus.

Und all dies geschah, obwohl ich mein Leben Jesus gegeben hatte. Ich schlug meine Mutter und ich hasste sie nach wie vor. Ich schämte mich, denn wenn ich die Bibel laß, stand dort etwas von Liebe und Respekt den eigenen Eltern gegenüber und ich schaffte es einfach nicht meine eigene Mutter zu lieben.


Dies war der Moment, in dem ich begriff, dass ich diese Liebe nicht aus mir selbst heraus aufbringen konnte und so betete ich für diese Liebe. Und Gott, der wie es in der Bibel heißt, selbst die Liebe ist, schenkte sie mir.

Die Situation mit meiner Mutter war unverändert schwierig. Auch wenn Gott mir immer mehr Liebe und Verständnis schenkte, so waren die Beschimpfungen, denen ich fast täglich ausgesetzt war doch trotz allem nur schwer zu ertragen.


Mein Selbstbild war durch die Misshandlung meiner Mutter und durch das Mobbing in der Schule total zerstört.

So fühlte ich mich unendlich hässlich, wenn ich in den Spiegel schaute und fing ich oft an zu weinen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass jemand mich lieben konnte. Wie sollte man auch, wenn nicht einmal meine eigene Mutter es konnte und mein eigener Vater mich verließ?

Es sollte Jahre dauern, bis ich die Liebe, die Paddy mir schenkte wirklich glauben und annehmen konnte.


Am 29.07.2011 heirateten wir. Zusammen wohnten wir in einer kleinen Wohnung und wechselten kurz nach der Hochzeit in eine freievangelische Gemeinde in der Stadt, in der wir wohnten.

Das Verhältnis zu meiner Mutter war immer noch sehr schlecht.

So freute sie sich über die Nachricht, dass sie Oma werden würde, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Auch als unser erster Sohn Samuel geboren wurde, hatten wir kaum Kontakt. Sie konnte mir die Fehler und die Worte, die ich ihr früher an den Kopf geworfen habe nicht vergeben. Aber wir beteten und Gott schenkte tatsächlich ein Wunder.


Ich weiß es noch als wäre es gestern. Ich spürte plötzlich das unwiderstehliche Verlangen meine Mutter anzurufen und ein Treffen zu vereinbaren.

Als wir uns zum Frühstücken trafen und miteinander redeten, fing sie an zu weinen und wir nahmen uns in den Arm und entschuldigten uns für alles was zwischen uns vorgefallen war.

Seit dem bauen wir immer mehr eine Beziehung auf und ich kann sagen, dass ich sie aus ganzem Herzen Liebe.

Gott hat mir so unendlich viel geschenkt, dass ich wirklich nur immer wieder staunen und meinem Herrn danken kann.

Er starb für mich am Kreuz und vergab mir all meine Schuld. Aber dabei hat er es nicht belassen. Er schenkte mir einen wundervollen Ehemann, drei gesunde Kinder, eine bibeltreue Gemeinde und sogar eine gute Beziehung zu meiner Mutter.



"Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle

deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben

erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du

wieder jung wirst wie ein Adler.“ - Psalm 103, 2-5



Autor: Anni Calza

Paddy und Anni mit ihren drei Kindern.

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