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  • AutorenbildAntje

Das neue Jahr 2019

Aktualisiert: 18. Feb. 2021


Weihnachten 2018 überraschte mich mein Mann mit einem absolut traumhaften Geschenk. Silvester sollten wir in den Bergen der Schweiz verbringen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Eine Gruppe aus der unserer Gemeinde, war bereits seit einigen Tagen dort zur sogenannten „Ski-und Snowboardfreizeit“. Eigentlich sind wir Stammmitglieder dieser Freizeit, aber dieses Jahr hatte mein Mann leider keinen Urlaub bekommen. Also fuhren wir für das Silvesterwochenende dort hin. Wir konnten zwei ganze Tage snowboarden, die Gemeinschaft mit den anderen genießen und geistlich auftanken! Wenn ich jetzt daran zurück denke, dann hat sich die jeweils gute 6-stündige Hin-und Rückfahrt für das verlängerte Wochenende gelohnt und ich würde es genau so wieder machen. Angekommen im neuen Jahr, mit der neuen gefestigten Ausrichtung ein geistlich „erfolgreiches Jahr“ zu beginnen, kam es zu einem Tag, der mir jeden festen Stand unter meinen Füßen wegzog.

Am 3. Januar 2019 bereitete mein Onkel das Mittagessen Zuhause vor. Meine Oma und ich hielten uns nebenbei im Wohnzimmer auf. Auf einmal beschwerte sich meine Oma über Schwindel und das Gefühl von Schwäche. Da meine Oma schon seit Jahrzehnten an Diabetes leidet, haben wir eine Unterzuckerung vermutet. Darauf hin gab mein Onkel ihr einen Teelöffel Honig und etwas zu trinken. Doch noch bevor die Wirkung des Honigs sich bemerkbar machen konnte, fing meine Oma an im Gesicht zu krampfen. Sie konnte diese Zuckungen nicht kontrollieren und geriet in Panik. In diesem Moment wussten wir sofort, dass das nichts mit Diabetes zu tun hat. Unverzüglich riefen wir den Notarzt an, der sich sofort auf den Weg zu uns machte. Es dauerte nur wenige Minuten bis dieser bei uns ankam. Die schnellen Untersuchungen Zuhause ergaben kein klares Ergebnis über die Ursache. Die einzige naheliegende Vermutung war ein Schlaganfall. Jetzt durften wir keine Zeit verlieren. Meine Oma wurde sofort ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Im Krankenhaus angekommen, wurde die Vermutung für einen Schlaganfall immer schwächer. Da es aber neurologische Symptome waren, wurde ihr Gehirn in einem CT untersucht. Während dieser Untersuchung befand ich mich im Flur nebenan. Nur wenige Minuten nachdem meine Oma in den Untersuchungsraum gebracht wurde, stürmten plötzlich mehrere Ärzte, der nebenan liegenden Intensivstation, in genau diesen Untersuchungsraum. Ein Krankenpfleger kam zurück und holte zwei große Notfallrucksäcke. In diesem Moment ist mein Herz stehen geblieben.

Ich saß dort auf diesem Stuhl und wusste, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Überwältigt von tiefer Fassungslosigkeit und absoluter Hilflosigkeit saß ich da. Und konnte nichts machen. Ich fing an zu beten, in meinem Inneren zu flehen und zu schreien. Diese Minuten hatten keine 60 Sekunden. Sie waren länger. Viel länger. Es fällt mir nicht leicht, das was ich dabei gefühlt und erlebt habe in Worten zu beschreiben. Von einer Minute auf die andere verändert sich alles und man wird bruchartig mit dem Tod eines sehr geliebten Menschen konfrontiert. Die typischen Fragen des „Was wollte ich noch alles machen, sagen..?, Ich habe und hätte noch das machen sollen/wollen..“ Plötzlich bleibt die Welt stehen und ist nicht mehr die Welt, die sie einmal war. Jeden von uns beschäftigen ganz verschiedene Ängste. Einer meiner größten Ängste war und ist der Tod meiner Oma. Einige können das vielleicht besser nachvollziehen als andere. Noch in der Zeit, als meine Mama mit mir schwanger war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Meine Mama war somit alleinerziehend und musste sehr viel arbeiten gehen, um mir ein gutes Leben bieten zu können. Über das Wort „Gut“ könnte man jetzt auch wieder viel schreiben und erst einmal definieren was gut eigentlich bedeutet. Was ich hier meine ist ein vergleichbares Leben der Mittelklasse im wohlständigen Deutschland. Meine Mama hat alles dafür getan, dass ich ein vergleichbar gutes Leben hatte, wie Freunde, die Vater und Mutter hatten. Ich darf mich auf keinen Fall beschweren. Dafür war es aber notwendig, dass sich jemand um mich kümmerte. Und hier kommen meine Großeltern ins Spiel. Diese waren nämlich genau dafür da. Seit dem Tag meiner Geburt bis zum Tod meines Opas und bis zum heutigen Tag des Lebens meiner Oma, sind diese Menschen immer an meiner Seite gewesen. Diese Menschen gehören zu den mir nahestehendsten Menschen in meinem Umfeld. Deshalb ist der Tag, an dem ich diese Menschen auf dieser Welt verliere, meine schrecklichste Vorstellung. Nach der CT-Untersuchung im Krankenhaus erfuhren wir, dass meine Oma einen noch viel schlimmeren Krampfanfall als Zuhause erlitt. Gott sei Dank, konnten die Ärzte sofort reagieren und meine Oma wieder stabilisieren. Doch der nächste Schlag war der Befund. Die Bilder des CT‘s zeigten einen, wahrscheinlich bösartigen, Tumor auf. In diesem Momenten haben wir bereits an viele mögliche Krankheiten und Ursachen gedacht, aber das übertraf all unsere Vorstellungen. Fassungslos saßen wir auf den Stühlen und waren wie versteinert. Am nächsten Tag wurde meine Oma in ein anderes Krankenhaus verlegt, welches eine eigene Station für die Neurologie besaß und somit besser ausgestattet war. Dort wurde der Tumor operativ entfernt und eine Probe ins Labor geschickt. Wir begaben uns täglich auf den Weg ins Krankenhaus. Wir umarmten sie, brachten ihr Lieblingsessen vorbei, wuschen sie, machten mit ihr im Rollstuhl das Krankenhaus unsicher (später dann mit dem Rollator), wir machten ihr das Bett, massierten ihren Arm und zeigten ihr einfach unsere ganze Fürsorge und Liebe.

Zwei Wochen nach der OP war der Befund des Tumors nun endlich da. Der nächste Schlag. Es war ein tatsächlich ein bösartiger Hirntumor. Ein Glioblastom mit dem Grad VI. Diese Art von Tumor ist der Bösartigste, der überhaupt bekannt ist. Die Lebenserwartung liegt nur bei wenigen Monaten bis einem Jahr. Heilung gibt es nicht. Ich hatte versucht mich auf das Schlimmste vorzubereiten, aber das hat nicht ausgereicht. Meine Vorstellung und mein Wissensstand haben nicht ausgereicht der Realität zu entsprechen. Die reale Tatsache überstieg meinen schlimmsten Erwartungen. Wir befanden uns wieder in einem Loch. Meine Oma saß regungslos auf dem Stuhl. Ich saß neben ihr und versuchte sie unter Tränen aufzubauen und zu ermutigen. Doch was konnte ich ihr nach dieser Diagnose sagen!? Ich konnte etwas sagen. Das was wir uns auch jetzt noch gegenseitig zusprechen. Heute sitze ich an dem Pflegebett meiner Oma. Sie atmet schnell und schwer. Sie ist nicht mehr ansprechbar, weil sie vor einigen Tagen einen erneuten Krampfanfall erlitt und sich jetzt einem Dämmerzustand befindet, aus dem sie womöglich nicht mehr aufwacht. Und ich flüstere ihr erneut die aufbauenden Worte, aus dem Krankenhaus ins Ohr: „Oma, wir werden uns wiedersehen. Der Himmel wartet auf uns und es wird uns besser gehen als jemals zuvor! Jesus ist unsere Zuversicht und Hoffnung und er hat nur Gutes für uns im Sinn, auch wenn vieles auf dieser Welt nicht gut ist. Oma, ich liebe dich!“ In den letzten 5 Monaten hat sich ihr Zustand rasant verschlechtert. Wenn ich mir Fotos von ihr anschaue, dann erkenne ich sie nicht wieder. Ich erschrecke mich sogar manchmal, weil ich es an und zu vergesse wie sie eigentlich wirklich mal aussah und wer sie wirklich war. Der Tumor hat sie nicht nur körperlich zu einem absoluten Pflegefall gemacht, sondern auch persönliche Veränderungen verursacht. Anfangs war sie verwirrt, dann wurde sie aggressiv, wütend und suizid und jetzt ist sie stumm und leblos. Ich schaue mir sie an und frage mich, wie lange ein Kind benötigt all diese Fähigkeiten zu lernen und wie schnell der Krebs all das mühsam angeeignete zerstört? In dieser ganzen Zeit fuhren wir eine Achterbahn der Gefühle. Eine Situation zog uns jeglichen Boden unter den Füßen, der nächste Erfolg verleihte uns Flügel und der andere Misserfolg machte uns erneut fassungslos. Wir fahren diese Achterbahn auch jetzt noch. Nur jetzt ist sie etwas langsamer und weniger turbulent geworden, weil das Ende absehbar ist. Wir sitzen an ihrem Bett und halten ihre Hand mit der Hoffnung, dass sie das auf die ein oder andere Art spürt. Wir möchten sie gehen lassen, auch wenn unser Herz dabei blutet und schmerzt. Aber wir wünschen ihr diese Schmerzen nicht mehr, denn der Himmel wartet.

Der Himmel wartet für jeden von uns, auch wenn es uns nicht immer so zentral vor Augen ist. Wir genießen unser Leben und das ist gut so! Ich liebe das Leben. Ich liebe so vieles daran. Und ich liebe die Menschen, die mein Leben zu diesem liebenswürdigen Leben gemacht haben. Einer meiner geliebten Menschen liegt im Sterben und ich werde nun mit der anderen Seite konfrontiert. Dem Tod. Der weniger schönen Seite, über die nicht so gerne und ausgiebig gesprochen wird, aber die genau so natürlich ist. Die Auferstehung von Jesus lässt nun mich auch auferstehen! Dieser Gedanke treibt mich an. Dieser Gedanke weckt Hoffnung in mir. Dieser Gedanke macht mich still. Diese Worte sprechen wir uns gegenseitig zu, wenn wir uns wieder zu sehr auf das hier und jetzt konzentrieren ohne auf die Zukunft zu schauen. Es sind aber nicht bloß Worte, die man sich so lange einredet bis man sie glaubt und ein gutes Gefühl verspürt. Diese Worte haben ihre Wurzeln in der Bibel. Und die Worte der Bibel haben eine Macht, die Stürme und Nöte im Inneren zu stillen und Frieden einkehren zu lassen. Das habe ich erlebt. Immer wieder. Und das ist nicht nur ein gutes Gefühl, das man sich einredet. Es ist ein Friede. Dieser ist so viel tiefer, so viel realer, so befreiend und so unvergänglich. Nichts was ich jemals erlebt habe, kommt dem gleich. Ist es nicht genau das wonach sich jeder Mensch sehnt? Wir kämpfen um Ansehen und Macht um Sicherheit und Glück um Geld. Und wenn wir es erreicht haben? Dann sind wir für eine begrenzte Zeit glücklich, aber immer noch nicht zufrieden, denn es gibt doch noch mehr. Wenn unser gut aufgebautes Leben, dann anfängt zu bröckeln, ist das Gefühl des Glücklichseins schnell dahin. Wir werden mit existenziellen Fragen konfrontiert, die tief ins Fundament eindringen. Diese Fragen kann die Wissenschaft nicht beantworten. Diese Fragen verlangen mehr. Sie verlangen es von uns, uns mit dem Höheren zu beschäftigen. Das kostet oft Überwindung, aber es ist jede Mühe wert! Am 14. Mai 2019 starb meine Oma Zuhause. Einen Abend bevor sie starb, schrieb ich neben ihrem Bett meinen Text zu Ende.



Von links: ich, meine Oma, meine Mama

Autor: Jaqueline Rempel

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